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Jugendfreiwilligendienste und Ehrenamt in der Jugendarbeit

Beschluss der 84. Vollversammlung 2011

Die Zahl der Jugendfreiwilligendienste, aber auch die der Jugendfreiwilligenplätze ist in den letzten Jahrzehnten nach und nach ausgebaut worden. Die Einrichtung eines Bundesfreiwilligendienstes als Ersatz für den Wegfall des Zivildienstes nach der Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 wird zu einem weiteren Anstieg der Freiwilligenplätze führen.

In der Folge wird die Zahl der Freiwilligen in der Bundesrepublik und auch in Schleswig-Holstein weiter steigen und damit die Bedeutung der Freiwilligendienste für die biographische Entwicklung junger Menschen. Mit der Einführung des neuen Bundesfreiwilligendienstes ist ein weiteres Modell eines Freiwilligendienstes entwickelt worden. Die Jugendverbände treten dafür ein, die unter-schiedlichen Freiwilligendienste auf Dauer zusammenzuführen, damit junge Menschen wissen, wie sie ihren Jugendfreiwilligendienst organisieren können und welche finanziellen Ressourcen ihnen während ihrer Freiwilligenzeit zur Verfügung stehen. Darüber hinaus erinnert der Landesjugendring an seine Forderung von 2010 an die Landesregierung, auf Bundesebene bei der Lösung des Umsatzsteuerproblems behilflich zu sei. Ziel muss es sein, dass in Zukunft kein Jugendfreiwilligen-dienst der Umsatzsteuer unterliegt. Aktuell gibt es etwa 35.000 Freiwilligenplätze bundesweit, im Land etwa 1.000. Bisher ist die Nachfrage nach Freiwilligenplätzen so stark, dass auf einen Freiwilligenplatz etwa 5 BewerberInnen kommen. Wenn aber Wehrdienst und Zivildienst in Zukunft zunächst wegfallen, weil die Wehrpflicht ausgesetzt ist, wird die Nachfrage nach Freiwilligenplätzen weiter steigen und es wird notwendig sein, zusätzliche Einsatzfelder für Freiwillige im gemeinnützigen Bereich zu schaffen, denn so lassen sich zusätzliche Einsatzstellen am ehesten „arbeitsmarktneutral“ schaffen, das heißt, dass dadurch nicht reguläre Arbeit ersetzt wird.

Ehrenamt und Freiwilligendienst sind Ausdruck einer gelebten Demokratie und Bürgergesellschaft. Auch in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte darf das Ehrenamt nicht kurzfristig als vermeintlich kostengünstiger Ersatz staatlicher Sozial- und Dienstleistungen ausgenutzt werden. Dann läuft es zunehmend Gefahr, an Attraktivität für die freiwillig Tätigen zu verlieren. Angesichts des demographischen Wandels sind ganz im Gegenteil für die Bestandssicherung des Ehrenamtes dessen Aus- und Fortbildung sowie die Unterstützung durch hauptamtliche BildungsrefentInnen sicherzustellen. Und auch für die Institutionen, in denen die Freiwilligen und Ehrenamtlichen tätig sind, nämlich für die Jugendverbände, braucht es eine verlässliche institutionelle Grundförderung, um den wachsenden Anforderungen gerecht werden zu können.

Eine steigende Zahl von Freiwilligen, die in der Regel ein Jahr Zeit hat, sich zu orientieren, zu bilden und im Sozial-, Umwelt- und Jugendbereich tätig werden kann, um nur einige Arbeitsfelder für Freiwillige zu nennen, wird aber wahrscheinlich auch Auswirkungen auf das Ehrenamt insgesamt haben. Schon jetzt fragen sich Ehrenamtliche in Jugendverbänden, wie sich in Zukunft die Zusammenarbeit mit den „befristet Vollzeitehrenamtlichen“, den Freiwilligen, gestalten wird. Andererseits sind die Erfahrungen, die die Verbände mit Freiwilligen bei der Unterstützung ihrer vielfältigen Aufgaben, z.B. auch im Rahmen von Aktivitäten im Bereich von Jugendarbeit und Schule machen, außerordentlich positiv, weil junge Freiwillige mit ihrem Engagement auch Zeiten abdecken können, für die junge Ehrenamtliche aufgrund von Berufstätigkeit oder Ausbildung überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Auch weil bei den meisten Freiwilligen das Engagement im Verband oder beim Träger nur zeitlich befristet ist, ergibt sich schon daraus, dass der klassische Ehrenamtliche und der Freiwillige sehr unterschiedliche Rollen im Verbandsalltag spielen werden. Keineswegs dürfen Freiwillige auf Dauer die Rolle der Ehrenamtlichen übernehmen, im richtig verstandenen Sinn können sie stets nur das Ehrenamt mit ihrem Engagement unterstützen.

Die Organisation der Verteilung der Freiwilligenplätze, die Durchführung der Bildungsveranstaltungen und die pädagogische Begleitung ist beim FSJ und beim FÖJ die Aufgabe der anerkannten Träger. Diese Konstruktion hat sich grundsätzlich bewährt und sollte auch bei der Umsetzung des Bundesfreiwilligendienstes als zivilgesellschaftliches Element erhalten bleiben. Die Wahrnehmung von Verwaltungsstellenaufgaben durch das Bundesamt für den Zivildienst oder das zukünftige Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben passt nicht in die zivilgesellschaftliche Ausrichtung der Freiwilligendienste und kann deshalb nur für eine Übergangsphase Bestand haben.

Es muss sichergestellt werden, dass allen Freiwilligen ausreichend Bildungsangebote gemacht werden, damit der Charakter des Freiwilligenjahres als Bildungsjahr auch tatsächlich zum Tragen kommt. Die verstärkte Öffnung von Jugendfreiwilligendiensten für „so genannte benachteiligte Jugendliche“ ist  grundsätzlich zu begrüßen, da das Jugendfreiwilligenjahr für junge Menschen jeden Bildungshintergrunds offen sein muss. Zu prüfen ist allerdings, ob dafür nicht eine höhere finanzielle Zuwendung an die Träger und die Einsatzstellen zu zahlen ist. Der Landesjugendring erhofft sich von einem Freiwilligenjahr für diese Jugendlichen einen verbesserten Übergang ins Arbeitsleben.

Darüber hinaus erinnert der Landesjugendring an seine Forderung ein FSJ Politik in Schleswig-Holstein einzuführen. Dadurch könnten zusätzliche Freiwilligenplätze z. B. bei Jugendverbänden neu geschaffen werden. Unter der Voraussetzung, dass das nicht zu Lasten anderer FSJ-Plätze geht, ist der Landesjugendring gegen eine dem FÖJ adäquate Förderung bereit, die Koordination dieser Freiwilligenstellen zu übernehmen.

Beim Freiwilligen ökologischen Jahr gibt es seit vielen Jahren gewählte SprecherInnen der FÖJler. Seit kurzem hat sich ein SprecherInnenrat der FSJlerInnen gegründet. Der Landesjugendring begrüßt die vorhandenen Beteiligungsmodelle der Träger und fordert den Aus- und Aufbau weiterer demokratischer Möglichkeiten der Beteiligung und Vertretung der Interessen von Freiwilligen in den Freiwilligendiensten auf allen Ebenen.

Freiwilligendienste haben eine wichtige berufsorientierende Funktion für alle jungen Menschen, die sich in diesem Rahmen gesellschaftlich engagieren. Zugleich leisten sie gegen ein Taschengeld freiwillig Arbeit für unsere Gemeinschaft, die sonst nicht erbracht werden würde. Deshalb ist es wichtig, dass junge Menschen ihr Freiwilligenjahr nicht nur als Wartezeit anerkannt bekommen, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Wertschätzung, die der Freiwilligenarbeit entgegengebracht wird, auch Bonuspunkte beim Eintritt in ein Studium erhalten oder Vorteile, bis hin zu Ausbildungszeitverkürzungen, wenn sie eine Berufsausbildung wählen, für die ihr Freiwilligendienst Vorerfahrungen geboten hat. Um diese Forderung umzusetzen, muss die Anerkennung, die Freiwilligendienste bei ArbeitgeberInnen genießen, aber auch an Hochschulen und Fachhochschulen deutlich gesteigert werden. Das gilt im Übrigen für die Arbeit aller ehrenamtlich Engagierten in unserer Gesellschaft.

Das vom Hauptausschuss des Landesjugendrings eingebrachte Papier wurde einstimmig angenommen.

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